*Kurzgeschichte* – Mein Zitronenfalter

*Triggerwarnung: Trauerbewältigung*

Mein Zitronenfalter

…Aufgrund von veränderten Umwelteinflüssen sterben viele Arten aus und… Ich zucke zusammen und sehe mich verwirrt um. Irgendwann sickert die Information zu mir durch, dass es der Fernseher ist, der mich aufgeweckt hat. Mann muss ich fertig gewesen sein, wenn ich schon beim Fernsehen eingeschlafen bin. …In einigen Kulturen glaubt man daran, dass Verstorbene als Schmetterlinge zu ihren Geliebten zurückkehren… Ich knipse den TV aus und lausche dem leisen bitzeln als sich der letzte Rest Elektrizität aus dem Gerät entlädt. Ich rolle mich aus dem Bett. In dem Raum stehen einige Sachen die ich nie benutze, wie etwa ein Schreibtisch mit einem drehbaren Stuhl, eine Stehlampe die einen kurzzeitig erblinden lässt wenn man es wagt den Schalter umzulegen sowie ein paar Schachteln mit unwichtigem Inhalt. Einfach nur, weil solche Sachen in einem Zimmer stehen müssen.

Ich mache das, was ich immer mache wenn ich gerade nach Hause gekommen bin. Schulsachen wegräumen, umziehen, essen und wieder gehen. Nach draußen, in den Wald, auf die Felder, ganz egal. Zuhause denken alle, ich bin bei Freunden. Meine Klassenkameraden denken, ich sitze nur im Haus. Doch das kann nicht stimmen, denn ich bin draußen. Immer. und fast nie sehe ich die anderen dort, zumindest nicht wo ich bin. Sie bezeichnen Clubs oder Discos oder Kinosäle als draußen.

Auch heute treffe ich niemanden, als ich dem Schotterweg folge. Grasbewachsene Hügel tauchen vor und neben mir auf, verschwinden wieder aus meinem Blickfeld und machen Platz für eine endlos grüne Wiese. Natürlich hatte sie irgendwann ein Ende, nämlich nach einer Stunde Fußmarsch. Doch für mich, hier und jetzt war das Grün, das Blau, das Braun unter dem Grün das Weiß zwischen dem Blau endlos. Ich lasse mich bäuchlings ins Graß fallen, die Halme wie Urwaldriesen vor meinen Augen. Der unebene Boden unter mir und der Wind der kühl über meinen Rücken weht lassen mich zu einem Teil der Erde werden. Ein paar Minuten atme ich tief ein und aus und sauge Luft in meine Lungen. Danach rolle ich mich herum bis mir schwindlig wird und ich keuchend und wirr liegen bleibe. Noch eine halbe Stunde mache ich dies und das, beobachte einen Marienkäfer und laufe um einen der wenigen Bäume herum. Ich bin glücklich damit, nichts tun zu müssen. Im leichten Trab geht es zur Stadt zurück, doch ich nehme einen anderen Weg als zuvor. Andere Bäume Felder, Häuser und Straßen und doch immer noch dieselbe Stadt. Unendlich viele Blinkwinkel, verwittert durch Wind und Zeit. Unendliche Möglichkeiten, Wege und Entscheidungen, keine Sekunde wie eine zuvor. Ich ziehe meinen Haargummi zurecht und stelle meinen Rucksack neu ein um das Gewicht auf beide Schultern zu verteilen.

Ich wäre nach Hause gegangen, aber heute ist Dienstag. Durch Zufall habe ich die Felsspalte entdeckt. Heute sind es etwa zwanzig. Zitronenfalter und Tagpfauenaugen, Distelfalter, Admiral. Seit sie gestoben ist, komme ich jeden Dienstag, ihrem Todestag, und suche nach ihr. Meistens war sie ein Zitronenfalter. Auch heute dauert es nicht lange, bis einer der gelben Falter, wie immer, auf meiner Nase landet. Meine Schwester hatte mich leidenschaftlich gerne ausgetrickst und mir vor dem weglaufen auf die Nase getippt. Das Gestein in der Felsspalte ist salzhaltig.

Wenn es regnet, fallen die Tränen.

2 comments

  1. Herzkoma says:

    Du hast genau auf den Punkt gebracht, wie es allen guten Künstlern erging in ihrer Schulzeit. Sie waren anders und suchten die Einsamkeit, weil sie sich unzugehörig fühlten und mit der Masse nicht mitschwimmen wollten und konnten. Dafür hatten sie etwas, das die anderen nicht hatten: Die Natur, deren Seele sie erkannten. Hermann Hesse etwa liebte die Natur und floh die Menschen:

    <b<Kennst du das auch?

    Kennst du das auch, daß manchesmal
    Inmitten einer lauten Lust,
    Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
    Du plötzlich schweigen und hinweggehn mußt?

    Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
    Wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
    Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
    Du weinst, weinst ohne Halt – Kennst du das auch?

    Hermann Hesse

    Du besitzt vieles, was die anderen nicht haben und das viel mehr an Wert bedeutet. Die anderen werden an ihrer Oberflächlichkeit vergehen, du wirst an deiner Tiefe zu den Sternen fliegen. Ich bin an deiner Seite. LG PP 🙂

    • Ich hatte beim schreiben auch das Gefühl, das die Natur der Situation ein wenig den Schrecken genommen hat.
      Interessant, wie sich Menschen mit den gleichen Interessen auch in ihrem Inneren ähneln.

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