Kategorie: Kurzgeschichte

*Kurzgeschichte* – Asphaltlaufsteg

Asphaltlaufsteg

Zwei braune Hühner folgten einem schwarzen. Eine Grasnarbe, ein Meter Gehsteig und die Bordsteinkante überwandten sie bis zur Straße. Ein Motoradfahrer knatterte vorbei. Nur der Kopf mit Helm drehte sich halbherzig in die Richtung der Damen. Er fuhr vorbei und das erste Huhn streckte ein Bein über die Bordsteinkante. Es streckte sich, fiel fast vornüber und setzte den ersten Fuß auf den von der Sonne aufgeheizten Asphalt. Der zweite Fuß folgte und das Huhn ging zügig voran. In schnellem, euphorischem Tempo folgten die anderen Hühner in kurzen Abständen. Die erste Fahrbahnmarkierung, eine gestrichelte Linie die das Linksabbiegen ermöglichte, erreichten sie schnell. Ein Brummen kündigte einen Kleintransporter an. Als er die Hühner sah wurde er langsamer und hupte.

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*Kurzgeschichte* Regennächte

Regennächte

Weiße Atemwolken verloren sich in der kühlen Nachtluft. Sie verdeckten, bevor sie sich mit der übrigen Luft vermischten, für einen Moment die Sterne. Das war etwas, das die Anderen nicht taten. Sie tun nie etwas, dass für sie keinen Sinn ergibt. Sie gehen nicht durch den Garten um die Blumen zu sehen. Essen immer nur das gleiche, denn wozu etwas Neues probieren, wenn das Alte doch schmeckt und satt macht? Sie sehen nur Fernsehserien die sich möglichst immer um dieselben Themen drehen, die gleichen Schauspieler haben, alle genau gleichlang dauern und alle ziemlich ähnlich heißen. Sie kaufen die Kleidung die jeder kauft, jeder trägt, aus den Shops die jeder kennt. Die Liste zieht sich endlos lang, breit, quer und im Kreis herum. Macht es denn keinen Sinn, Atemwolken auf eine – wenn auch kurze Reise zu schicken? Einer Reise in die Endlosigkeit, in der sie so unendlich viele Wege haben die sie gehen können?

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*Kurzgeschichte* – Die Legende vom Grasmädchen

 

Die Legende vom Grasmädchen

Ihr Kleid war weiß wie Wolken, wehte im Wind wie lange Grashalme. Es reflektierte die Sonne wie die Halme der Weizenähren an sonnigen, windigen Tagen. Ihre Fingernägel glänzten wie das innere von Mohnblüten. Strohblond waren ihre Haare im Sommer, hellbraun im Winter. Wie gefrorene Erde. Morgens trank sie den Tau, mittags aß sie Samen und Beeren und abends badete sie im Licht der schwindenden Sonne.

Es hieß, sie züchtete Grassamen, die schneller und dichter wuchsen als jedes andere Gras. Es machte die Tiere schneller und länger satt und so kauften die  Bauern bei ihr jedes Jahr die Samen. Von diesem Geld kaufte sich das Mädchen das  Jahr über Brot das ihr ein Bote in einem Korb bis an den Rand ihrer Heimatwiese trug.

Wenn die Sonne zu heiß schien, wuchsen die Halme um sie herum in die Höhe und bildeten einen dichten Schutzwall um sie, ebenso wenn es regnete. Wenn der Winter kam fiel das Grasmädchen in einen tiefen Schlaf. Auch hier schützten die Grashalme sie vor Nässe und Kälte, selbst der Schnee fiel in einem Umkreis von einigen Metern nicht nieder und drückte so die Halme nicht platt. Hier geht es weiter