Schlagwort: Geschichte

*Kurzgeschichte* – Der Gestaltwandler – verschlingender Wald (#myshortstory)

Eine Katze im Wald

 

Hallo du,

 

heute öffne ich für dich meine Schatzkiste. Vor ein paar Wochen hat Books on Demand einen Schreibwettbewerb (#myshortstory) veranstaltet.

Meine Kurzgeschichte hat es nicht in die Endauswahl geschafft, aber ich mag sie serh und möchte sie dir zeigen:

 

Der Gestaltwandler – verschlingender Wald

 

Ein Junge, vielleicht ein Jahr alt, lief in den Wald. Die Sicht reichte keine fünf Meter, dann war da nur noch Nebel. Mit einer Hand umklammerte er die Schwanzspitze einer schwarzen Katze. Sie führte ihn immer tiefer. Alle paar Minuten hielten sie an und die Katze zeigte ihm einen glänzenden Käfer oder einen besonders krumm gewachsenen Baum.

In einem Kilometer Luftlinie hallten Rufe durch ein Haus. Tränen flossen.

Die Katze und der Junge erreichten eine Hütte. Efeu und Ranken hielten die Holzplanken zusammen. Schwarzer Rauch wallte auf, als sich die Katze in einen jungen Mann verwandelte. Er zog sich hastig an. Seine Augen hatten die bernsteinerne Farbe der Katzenaugen behalten, auch sein Haar war noch schwarz. Der kleine Junge starrte verdutzt.

„Katze?“

„Die kommt später wieder.“

Er steckte den Jungen ins Bett und gab ihm ein Bilderbuch in die Hände. Die Tür schloss er von außen mit einem Riegel. Gehüllt in weißen Rauch verwandelte er sich zurück in die Katze. In leichtem Trab machte er sich auf den Weg, das nächste Kind zu holen. Ein Mädchen, noch jünger. Es quickte  vergnügt als ihnen ein Eichhörnchen über den Weg lief. Er setzte auch sie auf dem Bett ab. Beide bekamen Wasser und Brei. Noch dreimal lief er und holte Kinder.

In einem Kilometer Luftlinie heulten Sirenen. Blaulicht zerstörte das weiche Licht des Abends.

Alle fünf passten gerade so auf das Bett also schlief er auf dem Teppich. Immer wenn eines der Kinder weinte tröstete er es in seiner Katzengestalt. Mit leichtem pfotendruck massierte er ihnen die Bäuche und schnurrte sie wieder in den Schlaf. Im Morgengrauen brachte er sie nach draußen. Er setzte sie in einem kleinen Kreis um sich herum und verwandelte sich in weißem Rauch. Er fuhr die Krallen aus und hasste sich. Jedes Kind bekam einen tiefen Kratzer auf dem linken Arm. Tränen fielen in schnellem Takt nur um im Moss zu versickerten. Er leckte von jedem Arm einen Tropfen Blut auf. In dem Brei, den er ihnen als Frühstück machte befand sich etwas von seinem Speichel.

„Mama?“

„Gleich. Ich bringe euch zurück.“

 

Zwanzig Jahre später

 

In einem Kilometer Luftlinie holzten sie den Waldrand ab. Dieselgeruch vertrieb den Frieden.

Sechs Gestaltwandler in der Form der Tiere des Waldes und der Stadt hielten die Nasen gegen den Wind. Eine schwarze Katze war ihr Anführer. Sie verwandelten sich in schwarzem Rauch. Tiefe Ringe unter den Augen und steife Rücken waren das einzige, was ihnen das Leben als Menschen brachte. Aber es war ihre einzige Chance. Sie lebten nur, um zu schleimen und zu manipulieren. Sie schleusten sich in hohe politische Posten ein um für diesen Tag bewaffnet zu sein.

„Seid ihr bereit?“

„Ja. Wir sind bereit.

Gemeinsam verließen sie den Schutz des Waldes und mischten sich unter die tausenden von Menschen die gekommen waren, um die Abholzung zu verhindern. Sie reckten Schilder und Hände in die Luft.  Ihre Stimmen schrien voller Hoffnung den dröhnenden Motoren entgegen. Reporter, Journalisten alle versuchten die grellsten Informationen in ihre technischen Geräte zu saugen. Der Tag schritt voran und die Masse an Menschen wurde immer lichter.

Tage später kam die Nachricht. Ein Gericht hatte verboten, den Wald in den nächsten Jahren abzuholzen.

Ein bisschen mehr Zeit, für viele Stunden ihres Lebens. Fünf Gestaltwandler gingen im Wald ihrer Wege und eine schwarze Katze verschmolz mit der anbrechenden Nacht.

*Gedanken* – Krähe auf den Gleisen

Krähe auf den Gleisen

Ich stand an einem Bahnsteig, den Zug verpasst. Dieser hatte alle Menschen aufgesogen und nur mich, rennend und winkend in einigen Metern Entfernung zurückgelassen. Ich war allein.

Eine Krähe hopste vor mir von der Bahnsteigkante und landete auf einem der Gleise. Sie bewegte sich seitwärts auf einem der beiden äußeren Gleisstränge die von Holzplanken im rechten Winkel gekreuzt wurden. Sie tippelte wie ein Seiltänzer von rechts nach links, hielt manchmal inne um mit ihren Knopfaugen nach etwas zu suchen. Schließlich sprang sie nach vorne und grub mit ihrem Schnabel im Kies, mit dem die Zwischenräume von Holz zu Holz ausgefüllt waren. Ich weiß nicht ob sie etwas gefunden hat.

Ein Zwitschern hinter mir lenkte mich ab. Eine Meise war auf dem Geländer hinter mir gelandet. Sie flog wieder auf und weiter, über die Gleise um sich dort in einem Baum einen Sitzplatz zu suchen. Ich drehte mich um und eine weitere Meise flog von einem Baum auf das Geländer und dann weiter zu seinem Artgenossen. Ich sah wieder nach der Krähe, aber sie war verschwunden.

Die ersten Menschen liefen vom Bahnhofshaus auf den Steg. Der Zug fuhr ein. Menschen stiegen ein und verschwanden vom Bahnsteig. Ich verschwand mit ihnen.

*Kurzgeschichte* – Asphaltlaufsteg

Asphaltlaufsteg

Zwei braune Hühner folgten einem schwarzen. Eine Grasnarbe, ein Meter Gehsteig und die Bordsteinkante überwandten sie bis zur Straße. Ein Motoradfahrer knatterte vorbei. Nur der Kopf mit Helm drehte sich halbherzig in die Richtung der Damen. Er fuhr vorbei und das erste Huhn streckte ein Bein über die Bordsteinkante. Es streckte sich, fiel fast vornüber und setzte den ersten Fuß auf den von der Sonne aufgeheizten Asphalt. Der zweite Fuß folgte und das Huhn ging zügig voran. In schnellem, euphorischem Tempo folgten die anderen Hühner in kurzen Abständen. Die erste Fahrbahnmarkierung, eine gestrichelte Linie die das Linksabbiegen ermöglichte, erreichten sie schnell. Ein Brummen kündigte einen Kleintransporter an. Als er die Hühner sah wurde er langsamer und hupte.

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*Kurzgeschichte* Regennächte

Regennächte

Weiße Atemwolken verloren sich in der kühlen Nachtluft. Sie verdeckten, bevor sie sich mit der übrigen Luft vermischten, für einen Moment die Sterne. Das war etwas, das die Anderen nicht taten. Sie tun nie etwas, dass für sie keinen Sinn ergibt. Sie gehen nicht durch den Garten um die Blumen zu sehen. Essen immer nur das gleiche, denn wozu etwas Neues probieren, wenn das Alte doch schmeckt und satt macht? Sie sehen nur Fernsehserien die sich möglichst immer um dieselben Themen drehen, die gleichen Schauspieler haben, alle genau gleichlang dauern und alle ziemlich ähnlich heißen. Sie kaufen die Kleidung die jeder kauft, jeder trägt, aus den Shops die jeder kennt. Die Liste zieht sich endlos lang, breit, quer und im Kreis herum. Macht es denn keinen Sinn, Atemwolken auf eine – wenn auch kurze Reise zu schicken? Einer Reise in die Endlosigkeit, in der sie so unendlich viele Wege haben die sie gehen können?

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*Kurzgeschichte* – Die Legende vom Grasmädchen

 

Die Legende vom Grasmädchen

Ihr Kleid war weiß wie Wolken, wehte im Wind wie lange Grashalme. Es reflektierte die Sonne wie die Halme der Weizenähren an sonnigen, windigen Tagen. Ihre Fingernägel glänzten wie das innere von Mohnblüten. Strohblond waren ihre Haare im Sommer, hellbraun im Winter. Wie gefrorene Erde. Morgens trank sie den Tau, mittags aß sie Samen und Beeren und abends badete sie im Licht der schwindenden Sonne.

Es hieß, sie züchtete Grassamen, die schneller und dichter wuchsen als jedes andere Gras. Es machte die Tiere schneller und länger satt und so kauften die  Bauern bei ihr jedes Jahr die Samen. Von diesem Geld kaufte sich das Mädchen das  Jahr über Brot das ihr ein Bote in einem Korb bis an den Rand ihrer Heimatwiese trug.

Wenn die Sonne zu heiß schien, wuchsen die Halme um sie herum in die Höhe und bildeten einen dichten Schutzwall um sie, ebenso wenn es regnete. Wenn der Winter kam fiel das Grasmädchen in einen tiefen Schlaf. Auch hier schützten die Grashalme sie vor Nässe und Kälte, selbst der Schnee fiel in einem Umkreis von einigen Metern nicht nieder und drückte so die Halme nicht platt. Hier geht es weiter